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Ich habe keine Erinnerungen, ich habe nur die Bilder.(Katharina Gaenssler)

Katharina Gaenssler stand auf einer Brücke im YuYuanTan Park in Peking. Nach sechs Tagen in der Transsibirischen Eisenbahn war sie hier angekommen. Auf der Fahrt hat sie gemacht, was sie auf ihren Reisen immer macht: Sie hat versucht, die komplette Reise – und damit meine ich buchstäblich jeden Augenblick, jeden Blick des Auges – fotografisch festzuhalten. Dieser Versuch kann natürlich nur scheitern, aber Katharina Gaenssler kommt der totalen Dokumentation sehr nahe.
Praktisch heißt das, dass sie tagelang solange die Lichtverhältnisse es zuließen, fotografierte. Sie sah die Reise selbst nur durch die Kamera und ihr Zeigefinger drückte fast ununterbrochen den Auslöser.

Das Leben des Menschen findet in der Gegenwart statt, strebt in eine ungewisse Zukunft und hinterlässt Erinnerungen, die unaufhörlich verblassen. Nichts kann festgehalten werden, alles versinkt in den Tiefen der vergangenen Zeit. Beim Nachsinnen über Erinnerungsbilder denke ich an meine Junggesellenwohnung in der Münchner Gabelsbergerstraße. Wie sah die Wohnung aus, in der ich über sieben Jahre gelebt habe? Der Ort war mir lange Zeit so wichtig gewesen und doch kann ich mich an so wenig erinnern! Alles verschwindet in der Vergangenheit, wird unscharf, verliert die Farbe und die Form. Die Erinnerungen an Menschen, die man geliebt hat, verblassen, Orte werden schemenhaft, von Reisen bleiben nur bruchstückhaft im Gedächtnis, und man steht da mit leeren Händen, obwohl man bestrebt war, immer das Beste aus dem Moment zu machen und sich die Eindrücke einzuprägen.

Die Fotografin Nan Goldin sagte in einem Künstlergespräch, sie habe immer versucht, den Tod ihrer Freunde durch ihre Fotos aufzuhalten, und müsse nun  schmerzhaft einsehen, dass das nicht möglich sei. – Dafür sind ihr wunderbare Fotodokumente des Lebens gelungen.

Katharina Gaenssler dokumentiert einzelne Abschnitte in ihrem Leben total. Im Rahmen der technischen Möglichkeit friert sie Blöcke von Zeit ein. So entstehen Fotoserien von unglaublicher Größe und Intensität. Hier, auf der J&P Galerieseite sehen sie einen kurze Spanne festgehaltener Zeit aus dem Leben von Katharina Gaenssler, eben von dem Moment, als sie im Mai 2003 von der Brücke hinunter auf den See blickte.

Paul Huf

 
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